Auszeit anders.

Herzlich willkommen zur zwölften und vorletzten Auszeit anders.

Vielleicht haben Sie sich beim „Kathedralen-Programm“ gefragt, warum ich ausgerechnet um Leipzig einen Bogen gemacht habe. Natürlich deshalb, weil dieser ganz besonderen Stadt ein eigenes Programm gewidmet sein muss. Im damaligen DDR-Bezirk Leipzig bin ich geboren und sprach als Kind ein bewundertes sächsisch. Hier wohnen unsere Tochter, Schwiegersohn und die beiden Enkelinnen, meine Eltern, Bruder und Schwägerin, Nichten und Neffen. Hier sind meine Lieblingsantiquariate für Bücher, Schallplatten und CDs. Hier kaufe ich meinen Tabak. Hier atme ich den Geist Bachs. Auf dem Südfriedhof sind die Gräber der Großen Lehrstunden in Kunst- und Geistesgeschichte. Ich war tief bewegt, als ich zum ersten Mal die wiederaufgebaute Uni-Kirche sah, die in ihren Umrissen an die von Ulbricht gesprengte alte Paulinerkirche erinnert. Ein Ort der Einkehr ist das Wohnhaus Felix Mendelssohn Bartholdys, dessen Erhalt Kurt Masur zu danken ist. In den Kantatengottesdiensten in der Thomaskirche erlebe ich, wie evangelische Kirchenmusik gemeint ist, wie Musik predigt.

Deshalb heute ein Leipzig-Programm. Als besonderes Ass zaube ich dabei meine Frau aus dem Ärmel, die mit zwei Liedern aus Schemellis Gesangbuch zu hören sein wird.

Wir wünschen Ihnen Freude beim Hören, Mitsummen und Mitbeten.
Bleiben Sie behütet.

Herzlich:
Ihre
Corinna Elling-Audersch &
Ludwig Audersch

Carl Piutti (1846 bis 1902):
Choralbearbeitung “Der Tag ist hin” aus op. 34 und
Choral „Der Tag ist hin, die Sonne gehet nieder“ aus Schemellis „Musicalischem Gesangbuch“

Carl Piutti studierte zunächst einige Semester Theologie, dann aber Musik in Köln und Leipzig. Ab 1880 war er Thomasorganist und Orgellehrer am Leipziger Conservatorium. Sein op. 32 ist eine Sammlung von 200 Choralbearbeitungen ganz unterschiedlicher Länge und in ganz unterschiedlichen Stilistiken.
Georg Christian Schemelli wirkte als Kantor in Zeitz und gab 1736 ein Gesangbuch heraus, an dem auch Johann Sebastian Bach mitwirkte. In welcher Form und in welchem Umfang, ist allerdings unklar. Vor allem die bezifferten Basstimmen von 69 Liedern stammen vermutlich von Bach. Vielleicht hat er auch manche der Melodien gradegerückt und korrigiert. Gleichwie: der Bach-Schemelli ist ein Fundus, musikalisch, aber auch poetisch. Was ist das für ein toller Text:

1. Der Tag ist hin, die Sonne gehet nieder. / Der Tag ist hin und kommet nimmer wieder / mit Lust und Last; er sei auch wie er sei / bös oder gut; es heißt er ist vorbei.
2. Die Zeit vergeht und wir mit ihren Stunden. / Wohl dem, der sich in diese Zeit gefunden / und, was die Welt in Torheit zugebracht, / aus wahrer Klugheit sich zu nutz gemacht.
3. Hab Dank, mein Gott und Herr, für deine Pflege, / für gnädige Regierung meiner Wege, / für alles Heil von deiner rechten Hand, /für alles, was bekannt und unbekannt.
4. Wie sorgest du so treulich für die Gaben, / die wir zu Leib und Seele nötig haben. / Den ganzen lieben Tag bist du bemüht, / dass uns ein Segen aus dem andern blüht.
5. Du hast nicht Schuld, wenn wir verloren gehen, / und eignen Willens deinen Ruf verschmähen. / Wer seine Seele liebet, sieht sich für / und bleibet in und bei und unter dir.

Wenn wir das noch einmal vortragen, wird auch die schöne vierte Strophe dabeisein:
Du sammlest mich wie eine Mutterhenne, / sobald ich mich verlauf und von dir trenne; / wie laufst du nach und lockst, was sich zerstreut, / wie rufst und warnest du für Sicherheit.

Carl Piutti:
Gedenkblatt zum Todestag von Johann Sebastian Bach

In einer von Piuttis Nachfolger Karl Straube mitbetreuten Neuausgabe von Körners „Praktischem Organist“ findet sich gegen Ende eine Komposition Carl Piuttis, die mit „28. Juli 1750“ überschrieben ist. Das ist der Todestag Johann Sebastian Bachs und Piutti flicht in sein kleines Praeludium auf sehr raffinierte Art immer wieder das B-A-C-H-Motiv ein, das sich auch an anderen Stellen in seinem umfangreichen und bedeutenden Orgelwerk findet. Die Auszeiten online haben mir viele deutsche Orgelkomponisten des 19. Jahrhunderts wieder nahegebracht. Und es wird, bald hoffentlich wieder in der Lutherkirche, noch allerlei zu hören sein von Piutti, Dienel, Merkel, Forchhammer, Ritter, Haupt, A. W. Bach und vielen anderen.

Stephan Paul Audersch (geboren 1961):
Praeludium III aus „Drei kleine Praeludien“ (2015)

Mein Bruder Stephan wirkte nach seinem Studium zunächst an St. Andreas in Eisleben und nun schon lange Zeit in Leipzig: zu beginn als Kantor der Michaeliskirche am Nordplatz und nun an der Bethanienkirche in Leipzig-Schleußig. Als Kirchenmusikdirektor ist er verantwortlich für die musica sacra in der Bachstadt. Kein leichtes Amt. In der Corona-Zeit findet er offensichtlich Muße zum Komponieren. Wenn er hoffentlich im Oktober live in Solingen zu erleben sein wird, gibt es eine Uraufführung: Orgelstücke zu den „Vierzehn Nothelfern“. Zwei davon waren eine Geburtstagsgabe 2020 an mich. Gerne hätte ich sie hier vorgestellt, ich wollte jedoch der Gesamtaufführung nicht vorgreifen. Unter A in meinem Notenschrank findet sich aber auch anderes aus Stephans Feder (wirklich: er schreibt noch mit der Hand !). Die drei Praeludien von 2015 sind charmant und frisch und „made in Leipzig“.

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847):
Fuge „Vater unser im Himmelreich“ aus der Orgelsonate op. 65 / 6

Einer der bedeutendsten Musiker des 19. Jahrhunderts war ohne Zweifel Felix Mendelssohn Bartholdy.
Und wenn ich hier nicht Komponist schreibe, soll das hinweisen auf ein wirkliches Musikgenie. Denn Mendelssohn Bartholdy war überragend in allem, was er musikalisch tat: er war Pianist, Organist, Dirigent und Musikorganisator. Und auch wenn es nur eine Nebenbeschäftigung war: auch als bildender Künstler hat er sich einen Namen gemacht. Von 1835 bis 1841 und dann noch einmal ab 1845 leitete er das Gewandhausorchester und und gründete 1843 das Leipziger Conservatorium.
Die Musik Bachs sog er im wahrsten Sinne des Wortes mit der Muttermilch ein, denn seine Großmutter Bella war in Berlin eine Schülerin des Bachschülers Kirnberger. Ein erster Höhepunkt in der Bach-Renaissance des frühen 19. Jahrhunderts war die Wiederaufführung der Matthäus-Passion, die der zwanzigjährige Mendelssohn Bartholdy 1829 in Berlin leitete. Eine Abschrift des Stückes hatte ihm die Großmutter bereits 1823 geschenkt. Höhepunkt in seinem Orgelschaffen sind die 6 Sonaten op. 65. Die Fuge aus der Vaterunser-Sonate findet sich als Einzelwerk immer wieder Orgeleditionen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Albert Schweitzer spielte sie zusammen mit dem zarten Finale auf seiner ersten Schallplatte von 1928.

Carl Piutti (1846 bis 1902):
Choralbearbeitung “Schmücke dich, o liebe Seele” aus op. 34

Eine große Leipziger Tat Felix Mendelssohn Bartholdys war seine Initiative zur Errichtung des ersten deutschen Bachdenkmals. Zu seinen Bemühungen um eine Finanzierung gehörte auch ein Orgelkonzert am 6. August 1840 in der Thomaskirche, dessen Erlös für das Denkmalprojekt bestimmt war.
Auf dem Programm standen Werke Bachs und eine Improvisation. Legendär ist der Bericht Robert Schumanns über dieses Konzert. Zu Bachs großer Choralbearbeitung „Schmücke dich, o liebe Seele“ schrieb er an den Freund: „Da spieltest du, Felix Meritis, [ ... ] einen seiner variirten Choräle vor: der Text hieß ‚schmücke dich, o liebe Seele’, um den Cantus firmus hingen vergoldete Blättergewinde und eine Seligkeit war darein gegossen, daß du mir selbst gestandest: ‚wenn das Leben dir Hoffnung und Glauben genommen, so würde dir dieser einzige Choral Alles von Neuem bringen’.“
Gekannt hat Carl Piutti dieses Worte ganz gewiss, und vielleicht hatte er sie im Hinterkopf, als er dieser Choralmelodie besondere Sorgfalt angedeihen ließ. In seinem op. 34 scheint sie mir einen herausgehobenen Platz einzunehmen.

Stephan Paul Audersch (geboren 1961):
Praeludium I aus „Drei kleine Praeludien“ (2015)

Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750):
Choralbearbeitung „Vater unser im Himmelreich aus dem „Orgelbüchlein“.

Diese Choralvorspielsammlung „Worinne einem anfahenden Organisten Anleitung gegeben wird, auff allerhand Arth einen Choral durchzuführen, anbey auch sich im Pedal studio zu habilitiren“ begann Bach in Weimar um 1708. 164 Stücke wollte er schreiben, „nur“ 46 sind es geworden. Aber welche Kostbarkeiten sind hier versammelt. Ein wirkliches Lehrbuch. Warum das Projekt nicht ausgeführt wurde, ist unklar. Liest man das Vorwort zu Piuttis op. 34, ergeben sich durchaus Paralellen, denn auch Piutti betont den pädagogischen Charakter seines Opus.

Carl Ferdinand Becker (1804 bis 1877):
Adagio f-moll und Trio B-A-C-H

Seine musikalische Laufbahn in Stichworten: Thomaner, Musikstudium in Leipzig, Geiger im Gewandhausorchester, Organist zuerst der Petri- und dann der Nikolaikirche, Orgellehrer am Konservatorium, Komponist, Mitarbeiter der „Neuen Zeitschrift für Musik“, Mitbegründer der „Bachgesellschaft“, Musikschriftsteller und –wissenschaftler, Herausgeber und Sammler.
Das kleine Adagio fand ich in einer der zahllosen Sammlungen von organistischer „Gebrauchsmusik“, mit denen der Markt des 19. Jahrhunderts förmlich überschwemmt wurde. Vieles ist gediegener Durchschnitt, aber immer wieder stößt man auf Perlen wie diese hier von Becker. Das F-Dur am Schluss dient mir als Dominante zu einem Trio in B-Dur, in dem sich Becker ebenfalls des B-A-C-H-Motivs bedient.

Carl Piutti:
Choralbearbeitung “Der lieben Sonne Licht und Pracht” aus op. 34 und
Choral „Der lieben Sonne Licht und Pracht“ aus Schemellis „Musicalischem Gesangbuch“

Zum Abschluss ein weiteres Abendlied aus dem „Schemelli“. Piuttis zartes Vorspiel wirkt wie eine moderne Improvisation. Schon wieder eine Überraschung. Und welch schöne Kombination: Piutti und Bach. Ich empfinde keinen Bruch zwischen Romantik und Barock.

1. Der lieben Sonne Licht und Pracht / hat nun den Tag vollführet, / die Welt hat sich zur Ruh gemacht; / tu Seel was sich gebühret; / tritt an die Himmelstür / und bring ein Lied herfür: / lass deine Augen, Herz und Sinn / auf Jesum sein gerichtet hin.

2. Ihr hellen Sterne leuchtet wohl, / und gebet eure Strahlen, / ihr macht die Nacht des Lichtes voll; / doch noch zu tausend Malen / scheint heller in mein Herz / die ewge Himmelskerz, / mein Jesus, meiner Seele Ruhm, / mein Schatz, mein Schutz und Eigentum.

3. Verschmähe nicht dies arme Lied, / das ich dir Jesus, singe, / in meinem Herzen ist kein Fried, / bis ich es zu dir bringe. / Ich bringe, was sich kann, / ach nimm es gnädig an. / Es ist doch herzlich gut gemeint, / mein Jesus, meiner Seelen Freund.

4. Nun, matter Leib, gib dich zur Ruh / und schlafe sanft und stille: / Ihr müden Augen, schließt euch zu, / denn das ist Gottes Wille; / schließt aber dies mit ein: / Herr Jesu, ich bin dein ! / So wird der Schluss recht wohl gemacht. / Nun Jesu, Jesu, gute Nacht.