Auszeit anders.

Herzlich willkommen zur elften Auszeit anders.

Unter dem Titel „Kathedralen“ lade ich Sie heute in drei berühmte Kirchen ein und spiele Musik von Organisten, die dort gewirkt haben.

An der großen und von ihm umgebauten Wagner-Orgel der Berliner Marienkirche amtierte von 1869 bis zu seinem Tod 1905 Otto Dienel. Zu seiner Zeit der berühmteste Berliner Organist, ist er heute nur noch wenigen bekannt. Er stammt aus Schlesien, war zunächst Lehrer und begann mit vierundzwanzig Jahren ein umfassendes Musikstudium in Berlin. Sechs Jahre später wurde er Nachfolger seines Lehrers August Wilhelm Bach an der Marienkirche. Dort begründete er eine Reihe volkstümlicher Orgelkonzerte, die meist Mittwochs um 12.00 Uhr stattfanden. Der Eintritt war frei und die Kirche musste wegen Überfüllung immer wieder polizeilich geschlossen werden. „Vom durchgeistigten Gelehrtenkopf bis zum Droschkenkutscher, der mit der Peitsche in der Hand am Fuß der zur Orgel führenden Turmtreppe ein Weilchen den Klängen lauschte, waren alle Berufsstände vertreten – es waren Volkskonzerte und Erbauungsstunden im wahrsten Sinne des Wortes“. Die Geistlichkeit neidete ihrem Organisten diesen Erfolg und versuchte, mit Unterstellungen seinem Ruf zu schaden. Zu den Vorwürfen, unerlaubte Spenden einzunehmen, schrieb Dienel: „Was für egoistische Zwecke sollte ich auch haben? Wenn ich die auf die Orgelvorträge verwendete Zeit und Mühe nach Abzug der Kosten auf die etwaigen Überschüsse verteile, so finde ich zu meiner Beschämung, dass mir die Zeit viel weniger einbringt als meinem Calcanten. Zugleich bitte ich, meine Konzertarbeit nicht mehr als eine Schädigung meiner Berufsarbeit ansehen zu wollen, sondern als das, was sie meinem Bestreben nach sein soll: als eine auf dem Gebiet der heiligen Musik von mir mit Gottes Hilfe zu leistende Arbeit für meiner und unser aller Bitte: Dein Reich komme.“ Die Reihe endete im Jahr 1904. 869 Konzerte Dienels sind belegt.

Am Dom zu Schwerin wirkte über vierzig Jahre ein Engländer: George Hepworth. Er kam als sechzehnjähriger nach Deutschland und studierte in Hamburg. Mit zweiundzwanzig Jahren wurde er Organist der Güstrower Pfarrkirche und ging 1864 als Organist an den Schweriner Dom, wo er maßgeblich an der Konzeption der legendären Ladegast-Orgel mitwirkte, die er dann bis 1907 spielen durfte. Trotz seines Titels eines Großherzoglichen Musikdirektors starb Hepworth im Alter von dreiundneunzig Jahren mittellos in einem Armenhaus. Bereits im Jahr seines Dienstantritts in Güstrow vermerkte die Musikalische Zeitung aus Berlin: „Georg Hepworth, ein tüchtiger Orgelspieler und als Ausländer vielfach angefeindet, ist als Organist in Mecklenburg angestellt. Der erste (?) Engländer, der in Deutschland eine musikalische Stelle erhalten hat.“

Der musikalisch hochbegabte Gustav Merkel war vom Vater für den Beruf eines Zimmermanns bestimmt, wurde zum Lehrer ausgebildet und arbeitete an einer Dresdner Bürgerschule. Erst 1853 gab er den Beruf auf und begann ein Musikstudium. Einer seiner Förderer war Robert Schumann. 1860 wurde er Organist der Dresdner Kreuzkirche und 1864 auch der Hofkirche. Robert Eitner schrieb über Merkel: „Das Orgelspiel Meister Merkel’s zeichnete sich in hervorragender Weise durch größte Klarheit und Gediegenheit aus; er vermied sowol als Orgelspieler wie als Orgelcomponist streng Alles, was dem Charakter dieses Instrumentes nicht entsprochen hätte. Sein freies Spiel, bei welchem er den Contrapunkt wie auch die musikalische Form in meisterhafter Weise beherrschte, entsproß einer reichen Phantasie. Die Orgellitteratur ist in mannigfaltigster Weise durch seine Werke bereichert worden, ganz besonders bedeutend unter seinen zahlreichen Compositionen sind seine Orgelsonaten, welchen man unter seinen Zeitgenossen nur die dahin einschlagenden Werke Jos. Rheinberger’s zur Seite stellen könnte. Aber auch in kleineren Formen war er Meister, wovon eine große Anzahl seiner Präludien und Choralvorspiele beredtes Zeugniß geben. – Nicht weniger Erfolg erzielte M. als Lehrer. Seine zahlreichen Orgelschüler nehmen fast durchgängig sehr achtungswerthe Stellungen ein und bewahren ihrem Meister eine tiefe, herzliche Verehrung.“ Schwere Erkrankungen setzten dem Leben des Komponisten ein frühes Ende. Überschattet waren seine Jahre auch durch den Tod seiner beiden Kinder 1864 und 1875. Sein Werkverzeichnis umfasst 181 Opus-Nummern.
Zum Schluss wieder urück nach Berlin und noch einmal in die Marienkirche zu Otto Dienel. Beargwöhnt wurde auch seine Weltgewandtheit: er war befreundet mit Organisten in Frankreich, England und den USA und fast sein gesamtes Werk erschien im Londoner Verlag Novello. Das alles galt unter Wilhelm II. fast als Landesverrat. Dienels Berliner Kollege Heinrich Reimann, Organist der Philharmonie und später der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche schlug denn auch genau in diese Kerbe, schwafelte etwas vom deutschen Wesen der Orgel, bezeichnete die englische und französische Orgelmusik als Gewinsel und Geklingel und führt in seiner Liste „nicht orgelgemäßer Musik“ auch die Werke Otto Dienels.
Zu Dienel muss unbedingt noch angemerkt werdem, dass er hohes Ansehen als Orgelbauexperte genoss und sich als eine Art früher Gewerkschafter für Kündigungsschutz, Anstellung auf Lebenszeit und die Pensionsberechtigung für Organisten einsetzte. Hut ab!

Ich wünsche Ihnen Freude beim Hören, Mitsummen und Mitbeten.
Bleiben Sie behütet.

Herzlich:
Ihr Ludwig Audersch

Otto Dienel (1839 bis 1905):
Choralbearbeitung “Nun ruhen alle Wälder” aus op. 52

Dienels op. 52 ist eine Sammlung von 43 Choralvorspielen. Paul Gerhardts schönes Abendlied (EG 477) ist hier mit zwei Bearbeitungen bedacht. Einleitend zunächst die schlichtere Variante.

George Hepworth (1825 bis 1918):
Fantasia in Mozart’s celebrated duet from “il Flauto magico”

George Hepworth (1825 bis 1918):
Basso ostinato by Zelteres: was a king of Thule

Ich spiele Hepworths Musik sehr gern. Interessant ist die Wahl der von ihm bearbeiteten Themen: Musik aus Mozarts „Zauberflöte“, ein Lied Karl Friedrich Zelters, Felix Mendelssohn Bartholdys „Es ist bestimmt in Gottes Rat“ oder auch das sizilianische „O sanctissima“, das wir mit dem Text „O du fröhliche“ singen. Ein interessantes Stück ist ein Tongemälde mit dem Titel „Pastorale“, das wie Beethovens gleichnamige Sinfonie Gewitter und Sturm enthält und mit einem Dankgesang endet.
Lesen Sie vielleicht heute noch Goethes schönes Gedicht „Es war ein König in Thule“ und hören Sie vielleicht auch mal wieder in die „Zauberflöte hinein“.
(In der zweiten Thule-Variation werden Sie einen hässliche Streifton vernehmen, der mir beim Abhören in der Kirche nicht aufgefallen war. Wird demnächst ausgebessert!)

Gustav Adolf Merkel (1827 bis 1885):

Sehr sanft (Andante) aus 12 Orgelstücke op. 102
3 Choralbearbeitungen „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ aus op. 116
Fuge (Allegro, Volles Werk aber ohne Mixturen) aus op. 102

Robert Eitner erwähnt die kleineren Stücke Gustav Merkels, die zumeist ebenso solide und originell gearbeitet seien, wie etwa die neun großen Sonaten. Aus diesem Riesenvorrat habe ich hier eine kleine Partita in a-moll zusammengestellt. Den Rahmen bilden zwei Stücke aus op. 102, dessen Fuge bemerkenswerterweise das Thema des Andantes aufgreift. Op. 116 ist eine Folge von zehn spannenden Choralstudien zu „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. In meiner Auswahl erklingen die drei Stücke mit der Melodie im Sopran, im Tenor und schließlich im Bass. Letzteres ist ein Trio, bei dem die beiden Oberstimmen als eleganter Kanon daherkommen.

Otto Dienel (1839 bis 1905):
Choralbearbeitung “Nun ruhen alle Wälder” aus op. 52

Otto Dienel (1839 bis 1905):
Andante C-Dur, op. 13 / 2 „To Mons. Alex. Guilmant”

Ist die erste Komposition Dienels eher schlicht, ist die zweite ein kleines Tongemälde. Über einem bedrohlich-klopfenden Bass werden wirklich dunkle Wälder gezeichnet und der Einsatz des Chorals ist jedesmal wie eine kleine Erlösung. Das Stück endet zwar in G-Dur, aber ein restlos entspanntes Ende findet es nicht. Das liefert uns das kleine Andante aus op. 113. Zugleich ist es mit seiner Widmung an den Pariser Organisten-Freund Alexandre Guilmant noch einmal eine Erinnerung an Dienels mutiges Weltbürgertum. Die linke Hand singt hervorgehoben auf dem ersten Manual, die rechte begleitet auf einem Nebenwerk.