Auszeit anders.

Herzlich willkommen zur zehnten Auszeit anders.

Am 3. April gab es die erste „Auszeit anders“. Heute hören Sie bereits die zehnte. Ein kleines Jubiläum.
Wussten wir damals noch nicht, wie lange wir gezwungen sein würden, auf der „Online-Straße“ zu fahren, ist heute klar, dass für uns „in Luther“ an erster Stelle die Sicherheit steht, egal, welche Lockerungen andernorts beschlossen und praktiziert werden. Insofern wird es noch ein Weilchen weitergehen mit der „anderen Auszeit“. Klar war damals auch nicht, wie sich das oder der Virus ausbreiten würde. Jetzt sehen wir: die Maßnahmen haben gegriffen und darüber dürfen wir uns freuen; sollten diesen Erfolg aber auch nicht wieder leichtfertig verspielen.

Heute hören Sie Musik des österreichischen Komponisten Simon Sechter. Wenn überhaupt, ist er bekannt als großer Musiktheoretiker und Kompositionslehrer, dessen prominenteste Schüler Franz Schubert und Anton Bruckner waren. Aber Sechter war auch ein äusserst produktiver und zu Lebzeiten erfolgreicher und anerkannter Komponist. Leider ist es verschwindend wenig und noch weniger repräsentativ, was uns als ausführbares Notenmaterial vorliegt. Natürlich sagen Zahlen hier wenig aus. Aber es beeindruckt schon, wenn man hört, dass sich in Sechters Werkverzeichnis einige tausend Fugen befinden. So wie andere vielleicht regelmäßig ein Tagebuch führen, komponierte er besonders ab 1850 an jedem Tag mindestens eine Fuge. Als er wegen einer schweren Erkrankung in seinem letzten Lebensjahr für einige Zeit auf diese Gewohnheit verzichten musste, muss er regelrechte Entzugserscheinungen gehabt haben. „Wie Derjenige, der lange nicht bei seiner Geliebten war, sich nach ihr sehnt, so sehnen wir uns nach der Fuge“ notierte er nach seiner Genesung.
Als Sohn mittelloser Eltern war Sechter vor allem musikalischer Autodidakt, der es mit viel Fleiß und zähem Willen schließlich zum Hoforganisten brachte. Daneben war Sechter von 1850 bis zu seinem Tode auch Kompositionsprofessor in Wien. „Die Zahl seiner Schüler aus aller Herren Länder war [ ... ] so bedeutend, daß es monatlanger Vormerkung bedürfte, um in eine freigewordene Stunde einrücken zu können“ heisst es in einer biographischen Skizze.

Zu Sechters musikalischen Hausgöttern gehörten Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Sebastian Bach.
Sechters op. 26 ist ein Zyklus von 24 Praeludien „in allen Dur- und Molltönen“. Lange Zeit lag das Heft auf meinem Bach-Stapel, denn JSB’s „Wohltemperiertes Klavier“ war natürlich Sechters Vorbild. Genauer beschäftigt hatte ich mich mit dieser Musik nicht. Und ich muss zugeben, dass ich sie unterschätzt habe. Denn bei genauerem Studium merkt man, dass der Komponist in jedem dieser knappen und in sich vollendeten Stücke eine andere Idee verwirklicht. Sein Ausgangspunkte sind winzige Zellen: ein Rhythmus, ein Motiv oder ein bestimmter musikalischer Fluss, die so auf ihre Möglichkeiten abgeklopft werden, dass sie als Material ausreichen. 12 der 24 Praeludien sind heute zu hören: einzeln und vor allem in Gruppen. Hier nudelt nichts und es gibt auch keinen Leerlauf. Das Kennenlernen dieser Musik war mir ein großes Vergnügen. Wieder dachte ich an Schopenhauers schönen Satz: „Ein Kunstwerk ist wie ein König: man muss warten, bis es einen empfängt.“
(Im Originaldruck steht unter dem Titel noch der Vermerk: „mit besonderer Rücksicht auf das Pedal“. Des Orgelvirtuosen Sechter Vermerke auf die Beteiligung des Pedals halten sich allerdings sehr in Grenzen. Nimmt er besondere Rücksicht auf alle, die ohne Pedal spielen ? Ich habe es in allen Stücken eingesetzt und finde, dass dies eine Bereicherung ist.)

Mit oder ohne: ich wünsche Ihnen Freude beim Hören, Mitsummen und Mitbeten.
Bleiben Sie behütet.

Herzlich:
Ihr Ludwig Audersch

Simon Sechter (1788 bis 1867): Praeludien G-Dur und g-moll

  1. Ob das G-Dur-Praeludium eine bewusste Huldigung an Bach darstellt oder Sechter so von Bach imprägniert war, dass es automatisch geschah, sei dahingestellt. Aber der durchgehend punktierte Rhythmus erinnert frappant an des großen Thomaskantors großes Es-Dur-Praeludium und die Basslinien in ganzen und halben Noten an seine G-Dur-Fantasie. Ein festlicher Auftakt.
  2. Bestimmendes Motiv des stillen g-moll-Praeludiums ist eine simple Achtelgruppe aus vier Noten. Die ersten drei Töne ergeben einen Sextakkord moll oder Dur. Die vierte Note führt in kleinem oder großen Sekundschritt wieder abwärts. So erscheint das Motiv wie ein Bogen oder eine streichelnde Hand.

Praeludien B-Dur, es-moll und Es-Dur

  1. Ein Experimentieren mit Modulationen jenseits von ahnungsloser Tastenklimperei. Da hat jemand großes Wissen, Fantasie und Abenteuerlust und setzt dies ein: auch in einem Nebenwerk.
  2. Wunderschön und geheimnisvoll. Alles verschiebt sich und scheint zu schwanken.
  3. Man freut sich über das erreichte Dur von Nummer zwei. Dann wirklich Es-Dur. Banale Chromatik ? Mitnichten. Im großen Bogen stets souverän vorbei am Kitsch.

Praeludien h-moll, H-Dur und e-moll

  1. Über Sechters kontrapunktische Künste liest man, dass er aus allem Musik zu machen verstand und überall einen Contrapunkt witterte: in Gesprächsakzenten, Zeitungsartikeln oder Wäschezetteln. Hier hören wir, vermutlich so einfach hingeworfen, einen Kanon der beiden Oberstimmen.
  2. Was hat er hier abgebildet ? Ein barockes Seufzermotiv – klar. Aber auch Jodler und Kuhglocken irgend einer Alm. Da bin ich mir sicher. So ein tolles Stück.
  3. Von Beginn an und in regelmäßigen Abständen hören wir ein synkopisches Motiv. Anstatt den „normalen“ Achtelfluss zu unterbrechen, sorgt es für Beruhigung. Große Kunst.

Praeludien C-Dur, f-moll und F-Dur

  1. Ein Dreivierteltakt. Dreistimmig: zwei Stimmen gehen zusammen, die dritte sperrt sich. Könnte langweilig sein, wenn Sechter uns nicht immer wieder mit ausgefuchsten Modulationen und Trugschlüssen überraschen würde.
  2. Eine stille Prozession. Vierstimmig.
  3. Ein verträumt-vergnügtes Spiel mit Terzen.

Praeludium As-Dur

Eine sich durch die drei Oberstimmen bewegende permanent-laufende Sechzehntelbewegung. Die Harmonik ist von Bachscher Qualität. Letzte Abendsonnenstrahlen.