Auszeit anders.

Herzlich willkommen zur neunten Auszeit anders.

Für diese Folge musste ich zu großen Teilen auf mein mittlerweile vorhandenes kleines Ton-Archiv zurückgreifen, denn nicht immer gelingt das Aufnehmen zu meiner Zufriedenheit. So war es in der vergangenen Woche, wo meine Gedanken immer wieder abschweiften und Finger und Fragen sich beständig verhakelten. Trotzdem hier ein Programm, das sogar einen roten Faden hat. Nicht so üppig wie sonst, aber fein.

Ich wünsche Ihnen Freude beim Hören, Mitsummen und Mitbeten.

Bleiben Sie behütet.

Herzlich:
Ihr Ludwig Audersch

Samuel Scheidt (1586 bis 1654): Praeambulum g-moll

Es wird spannend sein, wie unterschiedlich „Zeitzeugen“ in einigen Jahren oder Jahrzehnten über ihre Corona-Zeit berichten. Manche werden sie mit der Hölle vergleichen, hoffentlich nicht zu wenige aber auch über Momente von Besinnung und Chancen erzählen. Schauen wir in die Musikgeschichte, finden sich etliche Komponisten, deren Leben fast komplett von Krieg, Krankheit und Tod geprägt war.
In den drei Jahren 1585, 1586 und 1587 wurden mit Heinrich Schütz, Samuel Scheidt und Johann Hermann Schein drei Giganten der Musikgeschichte geboren. Grausam prägende Stichworte für ihre Leben heissen: Dreissigjähriger Krieg, Pest, politische Lagerkämpfe. Alle drei Meister, miteinander gut befreundet, waren in unterschiedlicher Weise davon betroffen. Sie verloren Ehepartner, Kinder, nahe Verwandte und Scheidt auch seine Anstellung in Halle. Er starb verarmt und fand, wie Mozart, seine letzte Ruhestätte in einem Armengrab. Die beiden Praeambula sind vielleicht eher für das Clavichord gedacht, klingen aber ebenso gut auch auf der Orgel.

Jehan Ariste Alain (1911 bis 1940): Chant donné

An Alains Sterbejahr lässt sich ablesen, dass es der II. Weltkrieg war, der seinem jungen Leben ein Ende setzte. Er fiel als Soldat der französischen Armee. Aus seinem spannenden Orgelwerk habe ich drei kurze Stücke ausgewählt, die im weitesten Sinne Choräle sind. Ihr liedartiger Charakter ist unschwer zu erkennen. Seine Ballade in der phrygischen Tonart ist seiner Großmutter gewidmet. In diesem Zusammenhang will ich nicht verschweigen, dass ein langjähriger Orgelprofessor an einer deutschen Hochschule mit der Bemerkung: „Wir spielen keine Musik von Partisanen !“ Werke Alains auf einen Verbotsindex setzte.

Christian Reichardt (?): Choralbearbeitung „Wer nur den lieben Gott lässt walten“

Es berührt mich, wenn ich das Gottvertrauen von Komponisten sehe, die sich wie die drei großen „SCH“ ihr Leben lang mit Katatstrophen auseinanderzusetzen hatten. Ein Choral wie „Wer nur den Leben Gott lässt walten“ war vielen ein Kraftquell und ständiger Lebensbegleiter.
Hier hören wir ihn zunächst in drei kurzen Variationen von Christian Reichardt, den alle mir zur Verfügung stehenden Quellen mit dem gleichnamigen Hallischen Gärtner und Botaniker verwechseln und ihm sein Bild und seine Lebensdaten 1685 bis 1775 unterschieben.

Jehan Ariste Alain: Ballade en mode phrygien

Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750): Choralbearbeitung „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, BWV 691a

Eine der kleineren Kompositionen Johann Sebastian Bachs, die ich immer gerne spiele. Die bekannte Kurzfassung findet sich in den Notenbüchern für Anna Magdalena und Wilhelm Friedemann Bach. Hier gibt es eine um reizvolle Einschübe erweiterte Variante.

Jehan Ariste Alain: Choral cistercien

Samuel Scheidt: Praeambulum d-moll

Felix Mendelssohn-Bartholdy (1807 bis 1847): Choral D-Dur

Auch vom in der NS-Zeit verbotenen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy, der auch ein brillianter Organist und dessen Leitstern Johann Sebastian Bach war, gibt es eine ganze Reihe von kleineren Orgelwerken. Sein Choral in D-Dur erklingt hier als leiser Abendgruß.