Auszeit anders.

Herzlich willkommen zur sechsten Auszeit anders.

Heute ist der 8. Mai.
Gedenktag oder nicht? Tag der Befreiung oder Tag von Zusammenbruch, Kapitulation und Niederlage?
Viel Stoff zum Nachdenken. Ich empfehle die Lektüre des Gedichtes „Alle Tage“ von Ingeborg Bachmann. Mir hat sie den 8. Mai 2020 zu einem eher stillen Tag gemacht. An der Musik wird es zu merken sein.

Unsere für die Lutherkirche geplanten gottesdienstlichen und musikalischen Veranstaltungen fallen bis auf weiteres aus. Betroffen davon ist auch ein Konzert, das meine Kollegin Stephanie Schlüter heute geleitet hätte: eine Aufführung der „Mass for Peace“ von Karl Jenkins. Hier wird mir besonders deutlich, was wir im Moment verlieren.
Ein Kollege schrieb mir in diesen Tagen: „Wenn der Sport vor uns die Tore öffnen darf, sehe ich die Gefahr der Neuorientierung im Freizeitbereich.“ In der Tat eine schlimme Vorstellung. Tun wir also alles, dass sie nicht Realität wird. Ein kleines Bausteinchen dafür: laden Sie andere zu unseren Internetaktivitäten ein. Und ein großes: seien Sie unbedingt dabei, wenn es wieder richtig losgeht.

In meinem heutigen Programm geschieht, was als Utopie so nur in der Kunst möglich ist: eine Ökumene der Staaten.
Zwei Stücke aus Deutschland umrahmen Musik aus England, Frankreich, Russland und den Vereinigten Staaten.

Nun kommen endlich auch einmal die romantischen Stimmen meiner Orgel zur Geltung. Aufnahmetechnisch musste ich einige Abstriche machen: mit einigen Pedalregistern gibt es Probleme, so sind die Bässe teilweise etwas unterbelichtet. Und „in echt“ klingt das alles ohnehin viel schöner.

Trotzdem wünsche ich Ihnen Freude beim Hören, Mitsummen und Mitbeten.
Bleiben Sie behütet.

Herzlich:
Ihr Ludwig Audersch

Elias Oechsler (1850 bis 1917):
Choralbearbeitung „Verleih uns Frieden gnädiglich“

Elias Oechsler war Orgel- und Kompositionsschüler Josef Rheinbergers in München und ab 1888 Universitätsmusikdirektor in Erlangen. Wenn man Choralbearbeitungen zu Luthers Friedenslied sucht, stößt man auf eine große Lücke. Sie sind dünn gesät. Um so schöner war es, im gehaltvollen Werk Oechslers diese kleine Perle zu finden.

Edward Elgar (1857 bis 1934):
Vesper Voluntary op. 14 / 3

Als Sohn eines Organisten machte Elgar bereits als Kind Bekanntschaft mit der Orgel und wurde 1885 Nachfolger seines Vaters. Wohl auch für die eigene Praxis schuf Elgar seine Sammlung der elf „Vesper Voluntaries“, Musiken für den abendlichen Gottesdienst. Neben der großen Sonate op. 28 sind sie Elgars einziges originales Orgelwerk.

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840 bis 1893):
Andante cantabile aus dem Streichquartett D-Dur, op. 11

Russland als Land der orthodoxen Kirche hat keine sehr lange oder gar große Orgeltradition. Und die schönen gemäßigt oder spannend modernen Stücke, von denen es eine Vielzahl gibt, kann ich aus Urheberrechtsgründen hier nicht vorstellen. Insofern greife ich auf Altmeister Tschaikowsky zurück und schlage damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Denn der schöne langsame Satz aus seinem ersten Streichquartett erklingt hier in einer Orgelfassung des renommierten amerikanischen Organisten James Hotchkiss Rogers (1857 bis 1940). Bereits dies illustriert die von mir erwähnte Ökumene der Staaten. Betrachten wir Rogers Biographie, erfahren wir sogar, dass er seine musikalische Ausbildung in etlichen Jahren in Europa vertiefte und beendete. So studierte Orgel bei Carl August Haupt in Berlin und Alexandre Guilmant und Charles Marie Widor in Paris.

Als Hauptthema seines Andante cantabile verwendet Tschaikowsky eine ukrainische Volksmelodie, deren leicht schwankender Charakter sich aus dem Nebeneinander von 4/4- und 3/4-Takt erklärt. Als man das Stück 1876 zu seinen Ehren in Moskau aufführte, rührte es den greisen Tolstoi zu Tränen.

Hören Sie sich gleich heute noch das Original an.

Louis Niedermeyer (1802 bis 1861):
Priére (Gebet)

Nach Jahren als Musiklehrer in Genf übernahm Louis Niedermeyer 1853 in Paris eine Musikschule und nannte sie in „L’École Niedermeyer“ um. Sehr schnell erwarb sich das Institut einen exzellenten Ruf. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Gabriel Fauré und Camille Saint-Saëns. Niedermeyer schuf bedeutende Kirchenmusik (in der „Petite Messe solennelle“ gibt es ein langes wörtliches Zitat aus einem Werk Niedermeyers) und hinterließ einen schmalen, aber sympathischen Band mit solider Orgelmusik.

Josef Gabriel Rheinberger (1839 bis 1901):

Einer der großen deutschen Orgel- und Kompositionslehrer im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war ohne Frage Josef Gabriel Rheinberger in München. Er hinterließ ein immenses Orgelwerk, darunter 20 großangelegte Sonaten, die als Zyklus von 24 Stücken in allen Dur- und Molltonarten geplant waren, was sein Tod aber verhinderte.

Sehr viel Freude machen seine zahllosen Klein- und Kleinstwerke für sein von ihm virtuos beherrschtes Lieblingsinstrument, die Orgel. „Consolation“ bedeutet Trost und etliche Komponisten vor allem der Romantik (Liszt oder Dussek) verwendeten den Begriff als Titel meist kürzerer Musikstücke.