Auszeit anders.

Herzlich willkommen zur fünften Auszeit anders.

Unsere Griechenlandreise ist nun endgültig abgesagt. Und statt auf Kreta werde ich am elften Mai meinen einundsechzigsten Geburtstag in Solingen feiern. Um so mehr wandle ich deshalb zumindest musikalisch weiterhin im Süden. Und ich möchte Ihnen heute Musik vorstellen, die mir am vergangenen Wochenende beim Durchstöbern der diversen Internet-Bibliotheken begegnete. Von den folgenden drei Stücken war ich sofort begeistert.

Auch Ihnen wünsche ich Freude beim Hören, Mitsummen und Mitbeten.

Bleiben Sie behütet.

Herzlich:
Ihr Ludwig Audersch

Padre Mateo António Pérez de Albeniz (1755 bis 1831):
Sonate D-Dur

Sie beginnt mit nicht sehr originellen Dreiklangsbrechungen, die man zum Beispiel bei Scarlatti schon oft gehört hat. Aber dann kommt ab Takt sechzehn ein kleiner Ohrwurm, der nach dem Notenbild nicht nach Ohrwurm aussieht, mich aber nun seit Tagen verfolgt und den zu spielen, zu singen und als Kopfmusik abzurufen ich als pures Glück empfinde. Vermutlich ist diese Sonate für das Cembalo oder das Hammerklavier gedacht. Aber an unserem schönen Weyland-Instrument in der Lutherkirche lässt sie sich ganz ideal in ein Orgelwerk verwandeln und als ein solches möchte ich es Ihnen heute verkaufen. Wie schön und nicht wegzudenken ist hier das Krummhorn des III. Manuals.
Albeniz war Spanier, Ordensmann und versierter Musiker. Plündernde Briten haben sein vor 1813 entstandenes musikalisches Werk während der Napoleonischen Kriege zur Gänze vernichtet. Seine D-Dur-Sonate ist bei den spanischen Pianisten fast ein Heiligtum. Ich hoffe, ich werde diesem Anspruch gerecht.
Ein spanisches Sprichwort heisst: „Am Krieg ist nur eine Sache gut: der Frieden, der ihm folgt“.

Giovanni Battista Ferrini (1601 bis 1674):
Ballo di Mantova

Vor allem an zwei Stücke werden Sie beim Hören denken: an Smetanas „Moldau“ und an „haTikwa, die israelische Nationalhymne. Hier begegnet uns eine sehr alte Melodie, die durch die Länder und durch die Jahrhunderte ging. Ihr Ursprung liegt in der musikalischen Praxis der jüdischen Diaspora-Gemeinde in Mantua. Dort sang man sie bereits im elften Jahrhundert. Und dann machte sie sich auf den Weg durch Europa: wir begegnen ihr in Italien, England, Polen, Frankreich oder Spanien. Von den Großen sind es Smetana und Saint-Saëns, die sie in ihr Werk integrieren. 1888 schrieben Samuel Cohen und Naftali Herz Imber das Lied „Hatikva“, das später zur Nationalhymne Israel wurde. Bewusst verwendete Cohen die alte Melodie, die über Jahrhunderte ein Klassiker war. Mir begegnete sie erstmals 1987, als ich mit einem Kammermusikensemble durch Ungarn reiste. Sie dort zu hören und mitzusummen, war ein ganz großes Erlebnis. Die geschichtlichen Zusammenhänge wurden mir erst über die Jahrzehnte hin klar. Aber sie bewegen und ergreifen mich. Und deshalb spiele ich das wohl alles viel zu langsam. Nun ja: so ist die Lage.

Juan Moreno y Polo (1711 bis 1776):
Sonatina para Órgani ó Clave

Andantino:

Minuetto:

Ein ganz verrücktes Stück, dessen Originalität mir sofort ins Auge sprang. Der erste Satz lebt fast nur von einem Motivfetzen und dessen prägnantem Rhythmus. Manchmal hängen daran noch ein paar Sechzehntel-Girlanden. Alles ist schlicht-genial harmonisiert und manchmal seufzt es echt spanisch. Ich sehe die Sardana-Tänzer auf dem Platz vor der Kathedrale in Barcelona, die mit ihren Schuhen den Rhythmus aufs Pflaster markieren. Der zweite Satz ist ein Menuet, dessen Hauptthema sich wie bei einem Rondo sofort ins Hirn krallt. In meiner Orgelfassung kommt im B-Teil die schöne Trompete des II. Manuals zum Einsatz. So ein durch und durch originelles Stück ist mir wirklich schon lange nicht mehr begegnet.